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RSSPrint

Pauluskirche, Berlin-Zehlendorf

Das Orgelbauprojekt der Pauluskirche in Zehlendorf

Die Entscheidung, die Pauluskirche in Zehlendorf mit zwei neuen Orgeln auszustatten, ist spektakulär. Das Ergebnis ist es ebenfalls. Am Beginn des Prozesses stand eine Orgel aus dem Jahr 1969, deren Zustand in baulicher und musikalischer Hinsicht so unbefriedigend war, dass auch eine umfassende Restaurierung und Modernisierung nicht zielführend schien. Für die Aufstellung der beiden neuen Orgeln auf zwei unterschiedlichen Emporen waren die baulichen Voraussetzungen zu schaffen. Räumliche und ästhetische Mängel aus vorangegangenen Eingriffen konnten dabei korrigiert werden.

Der Architekt Hubert Stier aus Hannover hat den für die Pauluskirche im Jahr 1900 ausgelobten Architekturwettbewerb unter anderem deshalb gewonnen, weil nach seinem Plan die Orgel nicht klassisch gegenüber dem Altar und "über dem Eingang im Rücken der Versammlung" platziert war, sondern weil sie in den rechten Querschiffflügel einzog und damit "in engere Beziehung zu Altar und Kanzel sowie zur Gemeinde" kam.

Schon im Jahr 1920 entschied sich jedoch die Gemeinde, diesen ursprünglichen Standort aufzugeben und eine neue Orgel auf der südlichen Empore oberhalb des Eingangs und gegenüber dem Altar zu positionieren. Dieser Standort blieb auch bei einer weiteren Neuanschaffung einer Orgel im Jahr 1969 erhalten. Dabei nahm man billigend in Kauf, dass der große Prospekt die zentrale Fensterrosette aus Ziegelmaßwerk verstellte, obgleich die Bleiverglasung erst wenige Jahre zuvor neu entworfen und eingebaut worden war.

Das Orgelbauprojekt hatte daher zwei Prämissen: Die für die räumliche Wirkung des Innenraums so wichtige Fensterrosette war wieder freizulegen und das bisherige Instrument sollte nicht durch eine weitere sogenannte Universalorgel ersetzt werden, wie sie bereits zahlreich in Berliner Kirchen stehen. Ergebnis der Überlegungen war die Aufstellung zweier kleinerer Instrumente mit differenzierten Klangbildern: Seitlich des Altars am historischen Standort steht nun eine Orgel nach barockem Vorbild aus der Orgelbauwerkstatt von Rowan West aus Altenahr in der Eifel. Sowohl die tonale Prägung als auch die handwerkliche Ausführung dürften den Vorstellungen Johann Sebastian Bachs sehr nahe kommen.

Auf der Empore gegenüber dem Altar errichtete die in Berlin-Zehlendorf ansässige Orgelbauwerkstatt Karl Schuke eine Orgel im französisch-symphonischen Stil, mit der die romantische Orgelliteratur des 19. Jahrhunderts angemessen bedient werden kann. Der Prospektentwurf aus der Feder von Prof. Ernst Bittcher vereint Innenraum, Orgel und Fensterrosette zu einem passgenauen Gesamtkunstwerk.

Zwei höchst individuelle Instrumente sind entstanden, die neue Akzente in der Berliner Orgellandschaft setzen. Beide Orgeln wurden beispielhaft ausschließlich aus Spenden finanziert! Für die Aufstellung der beiden gewichtigen Instrumente auf zwei Emporen bedurfte es einiger baulichen Voraussetzungen und Anstrengungen. Zwar hatten sich an beiden Standorte schon früher Orgeln befunden, jedoch waren weder statische Nachweise vorhanden noch Abmessungen und Gewichte überliefert. So mussten beide Emporen mit teils enormen Stahlkonstruktionen ausgestattet werden, um die neuen Lasten aufzunehmen. Hohe Anforderungen an Formtreue und Maßhaltigkeit, die geometrischen Zwänge der Gewölbekappen unter den Emporen und der gestufte Bodenaufbau auf den Emporen setzen der Gestaltung und Ausführung enge Grenzen. Ein bislang nicht genutzter Dachraum eines Vestibüls wurde ausgebaut und klimatisch an den Kirchenraum gekoppelt, um einige der größten Orgelpfeifen aufzunehmen, die im Korpus der Orgel keinen Platz mehr fanden.

Die Freilegung und Restaurierung der Fensterrosette mit ihrer Bleiverglasung ist der optische Höhepunkt der baulichen Anstrengungen. Auch die Fenster hinter der barock geprägten Orgel erfuhren eine Restaurierung. Alle drei Fenster wurden zudem mit einer Schutzverglasung ausgestattet, die eine schnelle Erwärmung und mögliche Verstimmung der nahe stehenden Orgeln verhindert. Mit der Erneuerung des Bodenenaufbaus erhielten die Orgelemporen auch einen neuen Bodenbelag aus dunkelbraunen Linoleum, der wieder dem historischen Befund der Erstausstattung entspricht. An den Emporenbrüstungen wurden unpassende Absturzsicherungen aus Stahlrohr ersetzt und neue bildhauerisch gearbeitete Abschlusssteine aus Granit zieren nun die Pfeilervorlagen.

Mit dem Einbau der beiden neuen Orgeln ist es der Gemeinde der Evangelischen Pauluskirche Zehlendorf und dem Orgelbauverein gelungen, völlig neue kirchenmusikalische Möglichkeiten zu erschließen. Die durchaus komplexen baulichen Maßnahmen waren dienender Natur. Ihre Ergebnisse treten selbst kaum in Erscheinung und tragen zu einem selbstverständlichen und ausgewogenem Erscheinungsbild des Kircheninnenraums Orgeln bei.

Bauausführung: 2013 - 2014 Aufbau der Orgeln: 2013 - 2014

Text: adb, Büro für Architektur, Denkmalpflege und Bauforschung Ewerien und Obermann
Fotografien: Steffen Obermann und Jessica Karth

Ansprechpartner im Kirchlichen Bauamt: Matthias Hoffmann-Tauschwitz

Letzte Änderung am: 17.08.2015